Scharfrichter und Wasenmeister in Umstadt – Teil I.

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Der 25.04.1753 war ein denkwürdiger Tag in Umstadt. Auf dem Marktplatz wartete eine dicht gedrängte Menschenmenge auf ein Schauspiel, das sie sich nicht entgehen lassen wollte. Wieder einmal sollte der Umstädter Scharfrichter Johann David Klotz eine Kindsmörderin mit dem Schwert „vom Leben zum Tod“ richten. Was die sensationslüsternen Zuschauer, die auch aus der ganzen Umgegend in unsere Stadt gekommen waren, nicht wussten: es sollte die letzte Hinrichtung sein, die hier stattfand. Zwar bestand das Land- und Centgericht Umstadt, das schwere Strafen über „Hals und Haupt“ aussprach, formell noch bis zur Gerichtsreform 1822; es verlor aber wegen des Trends zur Zentralisierung immer mehr an Bedeutung. Der Scharfrichter hatte in Umstadt ausgedient.

Dabei konnte er in unserer Stadt auf eine recht lange, wenn auch teilweise noch ungeklärte und lückenhafte  Tradition zurückschauen. Das Amt des Scharfrichter oder Nachrichters, wie man ihn auch nannte,  ist verhältnismäßig jung in der Rechtsgeschichte. Es ist mit der Ausbildung der Landesherrschaft im späten Mittelalter (12./13. Jahrhundert) entstanden. In der Zeit davor gab es für die Vollstreckung von Strafen keine eigens staatlich bestellten Personen. Der Verletzte holte sich oft im Wege der Fehde auf eigene Faust sein Recht (oder was er dafür hielt). Die Landesfürsten versuchten – zunächst allerdings ohne durchgreifenden Erfolg – durch Landfriedensordnungen der Fehde, vor allem aber auch dem Raubrittertum, Einhalt zu gebieten.

Das Hoch- und Spätmittelalter war aber auch die Zeit der Gründungen und des Ausbaus von Städten, die zu Zentren der Erneuerung und Ausbildung  des Rechtswesens wurden. Viele Städte im rheinfränkischen Raum waren Mittelpunkt sog. Centen, die – vergleichbar unseren heutigen Landkreisen – zur besseren Verwaltung und Ordnung auf unterer Ebene dienten. Dazu gehörte auch die Stadt Umstadt, wenn auch nur als kleiner Mosaikstein im Gesamtgefüge der entstehenden landesherrschaftlichen Ordnung.

 

Das Land- und Centgericht Umstadt

Das gerichtliche Organ der Cent war das , das mit dem Schultheiß als Vorsitzenden und 14 Schöffen aus angesehenen Familien der Stadt und der umliegenden Dörfer besetzt war Land- und Centgericht Umstadt. Es tagte im  Vorgängerbau unseres Rathauses oder auf dem Marktplatz. Dort fällten die Schöffen, die man auch die „Urteiler“ nannte, im Beisein der beiden herrschaftlichen Amtmänner – Umstadt war im 15. Jahrhundert zwischen Kurpfalz und Hanau geteilt – in der sog. Hohen Gerichtsbarkeit ihre Urteile über „Hals und Haupt“ und „Haut und Haar“ nach genau festgelegten Verfahrensregeln.

 

 

 

 Die nebenstehende Abbildung zeigt eine Verhandlung des Schöffengerichts Volkach von 1504 mit 12  Schöffen,

 die sich innerhalb der Gerichtsschrannen versammelt haben.

 Der Vorsitzende (in Umstadt der gemeinschaftliche Schultheiß beider Herrschaften mit 14 Schöffen)

 betritt in Begleitung des Gerichtsknechts den Gerichtsplatz.

 Er hat den Gerichtsstab in der Hand – nach altem Brauch ein Haselstab.

 

 Zeichnung aus dem Salbuch von Volkach

 Quelle: Schild – Geschichte der Gerichtsbarkeit. 1997

 

 

 

 

 

 

Umstadt war damals eine kleine bis mittlere Stadt, deren Bedeutung in der Vergangenheit oft überschätzt worden ist. Die Amtmänner als Spitzenbeamten der Herrschaften hatten ihren Sitz nicht etwa in der Stadt, sondern auf dem Otzberg und in Babenhausen. Als die Schöffen in einer berühmten Gerichtssitzung von 11.August 1455 das Umstädter Weistum verkündet wurde, kamen vom Otzberg der pfälzische Amtmann Gerhart Forstmeister von Gelnhausen und von Babenhausen sein hanauischer Kollege Contz Kriegk hierher, um dem Gericht beizuwohnen. Nur die herrschaftlichen Unterbeamten (meist Keller genannt) residierten hier am Gerichtsort. (Auf einer Tafel am Pfälzer Schloss ist übrigens fehlerhaft in Stein gemeißelt, dass der pfälzische Amtmann schon seit 1390  im Schloss seinen Sitz gehabt habe. Die Stadt wird gut daran tun, dies bei Gelegenheit zu berichtigen. Dazu besteht umso mehr Anlass, als der Text bedauerlicherweise auch orthographisch nicht korrekt ist).

 Die Scharfrichter und Folterknechte

Wo Gerichte in der hohen Gerichtsbarkeit Urteile mit Leibes- und Lebensstrafen fällten, brauchte man natürlich jemand, der diese Strafen vollstreckt. Dies waren der Nachrichter oder Scharfrichter, der im Volksmund auch noch viele andere Namen trug, und seine Gehilfen. In Umstadt ist erstmals 1477 ein „zuchtiger von Ombstat mit eym gesellin“ in einer Rechnung der Grafen von Wertheim erwähnt, der nach Breuberg gerufen wurde, um dort einen Gefangenen zu foltern (1).  Wir dürfen aber nicht annehmen, es habe sich dabei um einen in Umstadt etablierten Scharfrichter gehandelt. Den gab es erst später, wie wir noch sehen werden. Wer dieses Amt innehatte, musste bestimmte  Qualifikationen erworben und oft auch eine Prüfung abgelegt haben. Solche Personen gab es meist nur in größeren Städten. Wenn in kleineren Ämtern eine Vollstreckung anstand, rief man sie von dort herbei. Der „zuchtiger von Ombstat“ war nichts anderes als ein einfacher Folterknecht, der im Inquisitionsverfahren eingeschaltet wurde. Mit der eigentlichen Strafvollstreckung hatte er nichts zu tun.

Wir sehen diesen Sachverhalt deutlich an einem urkundlich  gut belegten Fall aus Babenhausen im Jahr 1509. Dort hatte sich ein gewisser Christmann wegen Diebstahls,  Meineids und wegen des „wercks“, das er mit Kühen und Schafen getrieben habe (Sodomie), zu verantworten. Nach den Grundsätzen des     Inquisitionsprozesses konnte er nur verurteilt werden, wenn er geständig war. Weil er leugnete, griff man zu Folter (2). Zu diesem Zweck riefen die Babenhäuser den „Schinder von Ombstat Vetzert“ herbei, der Christmann folterte bis er gestand. Das Urteil des „landtschöffs“ lautete: der Beschuldigte soll wegen des Diebstahls aufgehängt, wegen der Sodomie verbrannt und wegen des Meineids sollen ihm zwei Finger an der Hand abgehauen werden. Diese Strafe vollstreckte der Scharfrichter aus Frankfurt, der eigens nach Babenhausen gerufen worden war.

Vetzert war nicht nur als Folterknecht in Umstadt und Umgegend tätig. Davon hätte er nicht leben können. Es war nicht einmal seine Hauptbeschäftigung. Seinen wesentlichen Lebensunterhalt verdiente er als Wasenmeister oder Abdecker. Er hatte in dieser Eigenschaft für die Beseitigung von Tierkadavern und die Erledigung damit zusammenhängender Aufgaben zu sorgen. Er holte verendete oder schwer kranke Tiere bei den Bauern ab und begrub sie auf dem gemeindlichen Schindanger. Ihm stand das alleinige Recht der Verwertung noch brauchbarer Teile (Fell,  Hörner, Klauen usw.) zu bis auf die Haut, die dem Eigentümer verblieb.

1) Winfried Wackerfuß: Kultur-, Wirtschafts- und Sozialgeschichte des Odenwaldes 1991 S.47

2) StA Darmstadt E9 Konv.43 fasc.1

 Das Haus des Wasenmeisters 

Das Haus des Wasenmeisters, das jenseits der Stadtmauer im Umstadt im Bereich stand, wo später der Platz der jüdischen Synagoge war, taucht in den Rechnungsakten der Stadt seit Beginn des 16. Jahrhunderts immer wieder mit unterschiedlichen Bezeichnungen auf: des Feldmeisters, des Schinders, des Wasenmeisters oder meist einfach des Meisters Haus (1). Es war von der Stadt zu unterhalten. Der Wasenmeister selbst war aber nicht städtischer „Beamter“ mit festem Gehalt. Er erhielt seine Entlohnung je nach Arbeitsanfall von den Bürgern, die seine Dienste in Anspruch nehmen mussten. Wenn ein Todesurteil zu vollstrecken war, tat dies zu dieser Zeit noch ein Scharfrichter aus der Fremde.

1) zB Stadtarchiv Groß-Umstadt IV Konv.4 fasc 21

Die Vollstreckung der Strafe

So geschah es 1573, als  die Schöffen des „Chur- und Heßischen Peinlichen Halßgerichts“ einen gewissen Hans Kunckel aus Raibach „der entleibung halber mit dem Schwerdt vom Leben zum Tod“ verurteilten (1).  Hans Mangel von Umstadt holte den Scharfrichter von Heidelberg ab, der im Hirschwirtshaus  am Markt übernachtete und im Haus des Umstädter Wasenmeisters zu Speis und Trank geladen wurde. In der Bürgermeisterrechnung sind alle Ausgaben genau aufgeführt, so z.B., dass der (namentlich nicht genannte) Nachrichter und der Umstädter Wasenmeister am Abend vor der Vollstreckung je 3 Maß Wein als „Schlaftrunck“ zu sich nahmen und am Tag nach der Vollstreckung gleich 12 Maß Wein in des Meisters Haus kommen ließen.  Es gab also damals in Umstadt zwar einen Wasenmeister, aber keinen Scharfrichter (2). Die Vereinigung beider Ämter in einer Person war späteren Jahren vorbehalten. Der Dieburger Heimatforscher Hans Dörr hat für die Nachbarstädte Babenhausen und Dieburg eine ähnliche Entwicklung aufgezeigt (3).

Die Urteile des Halsgerichts vollstreckte der Scharfrichter teils auf dem Markt in Umstadt, wenn der Verurteilte geköpft, teils am Galgenplatz, wenn er aufgehängt werden sollte. Der zweischläfrige Galgen stand seit 1535 weit und gut einsehbar  vor der Stadt an der heutigen B 45, wo sich jetzt der Erdbeerhof Münch befindet. Sein oberer Tragbalken bestand aus 25 cm starkem Eichenholz. Er war mit Weißblech beschlagen, um ihn vor Fäulnis zu schützen. Der Nachrichter führte den Verurteilten "über den Markt durch die Stadt und Vorstadt und weiter den  Dieppurger weg hinaus gegen das Gericht“ (damit  ist  der Galgen  gemeint). Dort vollstreckte er dann im Beisein vieler Zuschauer die Strafe.  

So ging es beispielsweise dem „Hanns Deuffel von Michell aus dem Land von Meißen“. Ihm waren im Inquisitionsverfahren eine ganze Reihe von Diebstählen vorgeworfen worden. Darauf stand nach dem Reichsstrafgesetzbuch Kaiser Karls V. von 1532, der „Carolina“ die  Todesstrafe durch Erhängen. Deuffel war zunächst nicht geständig, worauf der namentlich nicht genannte Scharfrichter im Gefängnisturm (Steinborn) ihm die drohende Tortur vor Augen führte. Denn es durfte niemand gefoltert werden ohne diese vorherige Androhung. In den Akten ist vermerkt, dass er dann „nach  Verlesung der tortur gestendig“ gewesen sei. Darauf haben am sog. endlichen Rechtstag die „urtheiler und schöffen allhier zu Umbstatt gericht und landtgericht." zu Recht erkannt, "daß der arm Beklagt Hanns Deuffel, so gegenwertig vor diesem Gericht steht, ... an den lichten Galgen mit dem Strang vom Leben zum Tod gericht und gehenckt werden soll." Nach der Vollstreckung blieb der Gehenkte noch längere Zeit am Galgen hängen zur Warnung und Abschreckung möglicher Täter. Schließlich nahm ihn der Wasenmeister oder sein Geselle vom Galgen ab und begrub ihn an Ort und Stelle.

1) Stadtarchiv Groß-Umstadt X/4 Konv.61 Fasz.14

(2) Stadtarchiv Groß-Umstadt XV/7b Konv.1a    xxxProbe

(3) Hans Dörr: Dieburger Scharfrichter und Wasenmeister. In: Dieburg, Erbe und Gegenwart II, Jahrbuch 2002 S.128 ff   

 

 

 Vollstreckung 1567 in den Niederlanden an einem zweischläfrigen Galgen.

 Der Umstädter Galgen war ähnlich.

 1753  wurde dort zum letzten Mal ein Urteil vollstreckt. Danach verfiel der Galgen.

  Qu:. Geschichte der Gerichtsbarkeit. 1997

 

       

Wenn jemand Selbstmord begangen hatte, war für die Beseitigung der Leiche  ebenfalls der Wasenmeister zuständig. Denn eine christliche Beerdigung kam wegen der als ehrlos angesehenen Tat nicht in Betracht. So erhielt 1599 der „Wasenmeister Hanns Lincken, welcher denjenigen, welcher sich in Brensbach selbst erhängt, alhero unter das Gericht geführt und begraben“ hatte als Entschädigung 9 Gulden (1).

(1) Stadtarchiv Groß-Umstadt - Bürgermeisterrechnung 1599/1600

Die Scharfrichter bis zum Ende des 30jährigen Krieges

Für die Mitte des 17. Jahrhunderts werden im Nachlass des verstorbenen Pfarrers Dr.Held aus Dieburg (1) verschiedene Namen genannt, die Scharfrichter in Umstadt gewesen sein sollen: Schwartz, Hans Busch, Michael Bardtmann (oder Hartmann?). In den umfangreichen, teils allerdings schwer leserlichen Notizen des Pfarrers, die im Staatsarchiv lagern,  sind aber Quellenangaben hierzu nicht erkennbar. Nach Hans Dörr (2) war Hans Hoffmann aus Esslingen 6 Jahre lang Scharfrichter in Umstadt, bis er 1652 nach Babenhausen ging. Der Umstädter Rat bestätigte ihm, seinen Dienst „jederzeit besten Fleißes versehen zu haben“. In den Umstädter Akten des Halßgerichts und in den Bürgermeisterrechnungen taucht er allerdings nicht auf, soweit dem Verfasser bekannt.  Vielleicht war er nur als Wasenmeister tätig. Es mag sein, dass weitere Nachforschungen (oder auch Zufallsfunde) näheren Aufschluss ergeben.

Nach dem 30-jährigen Krieg stehen wir, was unser Thema angeht, auf etwas festerem, quellenmäßig besser erschlossenen Grund. Darüber und über den  spektakulären Fall der Barbara Eysinger, die sich wegen Kindsmord zu verantworten hatte, wird im zweiten Teil der Abhandlung berichtet werden. Es ist der einzige Kriminalfall aus dieser Zeit, bei dem die Akten so gut wie vollständig erhalten sind.


(1) StA Darmstadt O 61 Dr. Ludwig Held
(2) Hans Dörr: Scharfrichter und Wasenmeister im Amt Babenhausen.


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