Scharfrichter und Wasenmeister in Umstadt – Teil III

 

Der Türkenhannes und seine Bande

 


Der Überfall

 

Es war im Mai 1746, als eine Räuberbande Umstadt heimgesuchte, die vornehmlich Mühlen überfiel und ausraubte. Diesmal war Johann Leonhard Lautz, der Eigentümer der mittleren Oberwiesenmühle (jetzige Haxenmühle), das Opfer. Die Akten schweigen über die einzelnen Umstände der Tat. Jedenfalls gelang es den Dieben, Sachen im Wert von ungefähr 45 Gulden zu stehlen, was heute mehreren Hundert Euro entspricht. Sie entkamen unerkannt, hatten aber nicht mit der Hartnäckigkeit der Umstädter Beamten gerechnet, die alles daran setzten, der Täter habhaft zu werden. Die Strafverfolger hatten Glück: Bereits im Juni 1746 wurde die Bande in Frankfurt/Main verhaftet und eingesperrt. 

 

Sofort richteten die Beamten über die Darmstädter Kanzlei ein Auslieferungsersuchen an den Magistrat der Stadt Frankfurt/Main wegen der „inhafftierten spitzbuben,“ die nicht nur in Frankfurt, sondern auch in Bad Vilbel und in Bergen einsaßen. Es ist schwer verständlich, wieso man sich in Umstadt wegen des vergleichsweise geringfügigen Diebstahls so ins Zeug legte, wenn man die Schwierigkeiten bedenkt, die auf die Stadt zukamen. Wahrscheinlich war man in Frankfurt und Umgebung froh, dass man die Banditen auf billige Weise los werden konnte. Denn die zuständigen Behörden signalisierten schon bald, dass sieben Personen ausgeliefert würden. Ob dies die ganze Bande war oder nur diejenigen, denen man den Diebstahl in Umstadt nachweisen konnte, muss dahinstehen. Jedenfalls begannen in Umstadt im Herbst 1746 hektische Vorbereitungen, um die Spitzbuben ihrer gerechten Strafe zuzuführen.

 

Die Gefängnisse in Umstadt

 

Den Beamten war klar, dass die städtischen Gefängnisse zur sicheren Verwahrung der Bande unzureichend waren. Das Hauptgefängnis in Umstadt war der Steinbornsturm in der heutigen Unteren Marktstraße.  Daneben hatte man noch den „Blauen Hut“ an der südöstlichen Stadtmauer und das Gefängnis am Bachtor. Die beiden letzten waren sog. „Bürgergefängnisse“, in die man im Normalfall renitente Schuldner einsperrte, aber keine Verbrecher.  Alle Gefängnisse mussten jetzt gesichert und erneuert werden. Aus dem Stadtsäckel waren neue Gitter, 12 Paar Handschellen, eine Anzahl Ketten und ähnliches zu bezahlen. Der Maurer Lutzweiler musste u.a. mehrere Löcher und Schießscharten zumauern und verschiedene Fenster vergittern. Dazu kamen Sanierungsmaßnahmen am Galgen, der sich bei einer Überprüfung als verfault und marode darstellte. Man besorgte sich Eichenholz aus dem Mittelwald und Fichtenstämme aus Hanau, die geflößt und dadurch besonders widerstandfähig waren. Neue Löcher mussten gegraben, der Galgen neu hergerichtet werden. Das war eine kostenträchtige und umständliche Prozedur, weil die Zünfte nebst Zunftmeister erscheinen und alle Hand anlegen mussten. Der Spengler Johann Georg Mangold beschlug den Galgen mit 69 Tafeln Blei und 1500 Nägeln. Alles dies und noch manches andere kostete viel Geld, das nicht vorhanden war. Es war damals wie heute: die Stadt musste Schulden machen, um der Kosten Herr zu werden und lieh sich beim Ratsverwandten Johann Ludwig Ganß und bei Buchbinder Vierling 150 Gulden.

 

Am 17.01.1747 war es endlich so weit. Scharf bewacht von Mitgliedern des Regiments des Erbprinzen in Darmstadt mit Leutnant von Oertz an der Spitze traf die Bande in Umstadt ein. Ein Sergeant, ein Tambour und 21 Gemeine passten auf, dass keiner entkam.  In Umstadt wurden die Räuber in die bereits genannten Gefängnisse gebracht, gefesselt und angekettet. Lediglich der Anführer kam etwas komfortabler unter, nämlich im sog. „Arme-Sünder-Stübchen“ im Rathaus. Das war eigentlich nur für den Aufenthalt von Verurteilten am Tag vor ihrer Hinrichtung vorgesehen. Die Soldaten blieben vorerst in der Stadt „zur Bedeckung der Bürgerschaft“. Von Oertz gastierte im Gasthaus „Zum Engel“ am Markt.

 

Der Türkenhannes

 

Wer war nun der Anführer der Räuberbande? Er hatte ein bewegtes Leben hinter sich. Er hieß mit bürgerlichem Namen Johannes Georg Schweger und stammte aus Steinbach bei Mudau. Schweger war 1717 mit den Truppen Prinz Eugens in die Schlacht gegen die Türken gezogen. Bei Belgrad geriet er in Gefangenschaft und wurde in Türkei verschleppt. Jahre später gelang ihm auf einem Schiff die Flucht über Venedig nach Deutschland. Er schlug sich bis in unsere Gegend durch. Er kam in pfälzische Dienste und gehörte bald zur Besatzung auf dem Otzberg. 1743 nahm er als französischer Söldner – Kurpfalz und Frankreich waren Verbündete – im österreichischen Erbfolgekrieg an der Schlacht bei Dettingen bei, die mit einer Niederlage der Franzosen endete. Danach trieb er sich mit französischen Marodeuren in der Otzberger Gegend herum und machte mit seinen Kumpanen das Land unsicher.  Man nannte ihn im Volksmund wegen seiner türkischen Abenteuer den „Türkenhannes“.  Jetzt war er in Umstadt gefangen.

 

Das Inquisitionsverfahren

 

Die Umstädter wollten die Angelegenheit, nachdem man der Bande endlich habhaft war, schnell hinter sich bringen, damit die Kosten nicht noch weiter aus dem Ruder liefen. Bereits auf den 24.01.1747 war die Hinrichtung am Galgen vor der Stadt (Ort des jetzigen Erdbeerhofs Münch) festgesetzt. Aber zuvor musste am gleichen Tag noch der sog. „endliche Rechtstag“ stattfinden. Wie der Verfasser schon bei früherer Gelegenheit geschildert hat, handelte es dabei um eine öffentliche Strafverhandlung  in der Säulenhalle des Rathauses mit der Schultheißen als Vorsitzenden und den 14 „Blutschöffen“ als Beisitzer. Staatsanwalt war der Umstädter Advocat Johann Ludwig Würtenberger („accusator“) und Verteidiger der Notar Ernst Friedrich Wolff („defensor“), ebenfalls aus Umstadt. Den Leser wird vielleicht wundern, dass man schon alle Vorbereitungen zur Vollstreckung getroffen hatte, obwohl noch gar nicht verhandelt worden und noch kein Urteil gesprochen war. Dies war nach der damaligen Rechtsauffassung kein Widerspruch, weil das Urteil schon vor dem „endlichen Rechtstag“ auf Grund der im sog. Inquisitionsverfahren getroffenen Untersuchungen schon feststand. Die abschließende Verhandlung war jedenfalls nur noch Formsache, um alten Rechtstraditionen Rechnung zu tragen, vielleicht auch dem Volk vor Augen zu führen, um welche Verbrechen es ging.

 

Wir sehen den rein formalen Charakter des „endlichen  Rechtstags“ an folgenden, kennzeichnenden Vorgängen: Der Vorsitzende des Hals- und Blutgerichts Johann Caspar Sturmfels rief am Abend vor der Hinrichtung Würtenberger und Wolff in die „Krone“ am Markt, um sich „wegen des Peinlichen Gerichts zu bereden.“ Beide erhielten ihre „instructionen“, damit sie wussten, was sie zu sagen hatten und wurden wieder entlassen. Bereits zuvor hatte Sturmfels ein „Reglement für Stadtschreiber, Blutschöffen, Corporale und die Zimmerleute, wie sie sich  zu verhalten haben wegen der maleficanten“ entworfen, die Peinliche Gerichtsordnung zu Papier gebracht und „jeden Schöffen seine lektion schriftlich fertigen lassen.“ Der Schultheiß hielt diese ausführliche Vorbereitung für notwendig, weil die Verhandlung und anschließende Exekution einer gefährlichen Räuberbande ein noch nie da gewesener Fall in Umstadt war. Stets ging es zuvor nach allem, was wir wissen, lediglich jeweils um einen oder zwei Täter, die dem Scharfrichter zugeführt wurden. Deshalb hatte übrigens Sturmfels von dem Darmstädter Peinlichen HalßGerichts-Actuario Zimmermann eine Anleitung bestellt, „was bei den executiones alles zu beachten“ sei. Diese stellte der dem Scharfrichter Johann David Klotz zur Verfügung, der jetzt vor seiner schwersten Aufgabe stand.

 

Alle diese Schriftstücke, auch die Prozessakten, sind leider nicht erhalten. Wir wissen von den Vorgängen nur aus Aufzeichnungen zur Umstädter Bürgermeisterrechnung desJahres 1747 und aus einer Broschüre mit dem Titel „Türkenhannes“. Sie ist 1934 erschienen und von dem Heringer Pfarrer Josef May unter dem Pseudonym  Robert Gerkenner verfasst, allerdings teilweise mit offenbar fantasiegeprägten Abweichungen, die mit den originalen schriftlichen Aufzeichnungen nicht übereinstimmen.

 

Die Verhandlung und die Hinrichtung

 

Am Tag nach der Vorbesprechung tagte das Hals- und Blutgericht in der Säulenhalle des Rathauses. Zunächst verhandelte man nur gegen den Türkenhannes und seine Kameraden Kahe und Mohr. Wie erwartet wurden sie zum Tode mit dem Strang verurteilt. Alle drei erhielten die traditionelle Henkersmahlzeit. Johann Wendel Hax lieferte Kalbfleisch und Suppe, Johann Daniel Emmerich Brot und der Kronenwirt Johann Nikolaus Emmerich den Wein. Nachdem die Gefangenen gegessen und getrunken hatten, folgte der übliche Zug zum Dieburger Weg hinaus über dem Armensünderweg zum Richtplatz am wieder neu hergerichteten Galgen. Das herrschaftliche Kommando mit Leutnant von Oertz an der Spitze geleitete die Verurteilten. Vorneweg ritt der Hessische Amtmann von Sell auf einem Pferd, das ihm der Schultheiß Sturmfels geliehen hatte.

Am Hochgericht, wie man den Galgen damals auch nannte, wartete der Umstädter Scharfrichter Johann David Klotz auf die Verurteilten, die von Pfarrer Hosemann vor der Hinrichtung noch geistlichen Zuspruch erhielten. Dann wurden alle drei mit dem Strang „vom Leben zum Tod befördert.“ Wegen der „besonderen vorwaltenden Umstände“ erhielt Klotz für die Hinrichtung insgesamt 45 fl. (Gulden) als Entlohnung. Im Normalfall bekam er für einen „mit dem Strang hinzurichten“ lediglich 5 fl.

 

Die Flucht der Restbande

 

Nachdem dies glücklich überstanden war, blieben noch vier Bandenmitglieder, die in den Umstädter Gefängnisse saßen. Zu ihnen findet sich der lakonische Vermerk in den Akten, sie seien am Tag nach der Hinrichtung „echappiert“, also entkommen. Einzelheiten werden nicht mitgeteilt. Man wird den Verdacht nicht los, dass die Umstädter froh waren, die restlichen Räuber los zu sein, vielleicht half man sogar etwas nach. Jedenfalls wurden keinerlei Versuche unternommen, die Flüchtlinge wieder einzufangen.

 

Die "Spiegelung" der Strafen

 

Heutige Pragmatiker werden sich fragen, warum man denn am 24.01.1747 überhaupt so einen Umstand machte, als man nur drei Mitglieder der Bande aufhängte. Es war zwar zunächst kein Platz am Galgen mehr für die übrigen. Warum nahm man die Erhängten nicht vom Galgen ab und vollstreckte anschließend die Strafe an den übrigen? Diese Fragestellung verkennt, dass die Bestrafung eines Täters  nach uralter Rechtsauffassung ein magisch-sakraler Opferakt war, ein entsühnendes Opfer an die Gottheit. Die Strafe sollte die Tat spiegeln („Auge um Auge, Zahn um Zahn“): dem Gotteslästerer  riss man die Zunge heraus, dem Eidbrecher hackte man zwei Finger ab, dem Mörder schlug man dem Kopf ab.  Wie aber sah die Spiegelung beim Dieb aus? Der scheute die Öffentlichkeit, wenn er mit unehrlichen Absichten in fremde Wohnungen schlich. Er tat alles, um unerkannt zu bleiben. Zur Bestrafung sollte er vor der Allgemeinheit als unehrenhaft bloß gestellt werden. Man hängte man ihn auf Dauer an einen laublosen, für jedermann gut sichtbaren Baum auf. Dies war zugleich ein Opfer für den Gott Wotan, der selbst, wie die Edda berichtet, „neun Nächte lang hindurch an windbewegtem Baume“ hing. Der Nachfolger des laublosen Baum – der Galgen – stand daher immer gut sichtbar auf einer Anhöhe oder auf freiem Feld vor der Stadt. Aus dem gleichen Grund mussten die Diebe am Galgen hängen bleiben, bis sie nach Monaten herunterfielen oder vom Wasenmeister heruntergenommen und an Ort und Stelle begraben wurden.

 

So ging es auch dem Türkenhannes und seinen zwei Kumpanen. Sie blieben am Umstädter Galgen bis zum 9.12.1747 hängen. Dann nahm Johann David Klotz sie ab und begrub sie unter dem Galgen zur ewigen Ruhe.

 

Einige Jahrzehnte später machten der Schinderhannes und seine Kumpanen die hiesige Gegend unsicher. Wer sich hierzu informieren will, dem sei die schöne Ausstellung im Museum Ober-Ramstadt empfohlen, die am 16.06.2003 eröffnet worden ist. Bei anderer Gelegenheit wird vielleicht hier im OB nachzulesen sein, was es zum Schinderhannes in Umstadt und Umgebung – urkundlich belegt – zu erzählen gibt.

 

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