Scharfrichter und Wasenmeister in Umstadt – Teil II

Die Zeit nach dem 30-jährigen Krieg

 

Der Fall der Barbara Eysinger, geb. Weylandtt

Der Kindsmord

Nach dem 30-jährigen Krieg lebte in Umstadt die Badermagd Barbara Eysinger, geb. Weylandtt. Sie war mit dem Umstädter Kuhhirten Hannß Eysinger verheiratet, der 1654 verstarb. Drei Jahre später lernte Barbara  den verheirateten Hannß Georg Frieß kennen. Er war der Sohn des Umstädter Oberbürgermeisters Hannß Frieß. Das Verhältnis blieb nicht ohne Folgen: Nachdem es einmal im "weingartten" und ein andermal auf einem Speicher zu "unkeuschheit und hurerey" gekommen war, stellte Barbara entsetzt fest, dass sie schwanger war(1). xxx

 

Der erschreckte Liebhaber riet  Barbara, Umstadt zu verlassen. Er bot ihr hierfür   drei Gulden. Barbara lehnte ab. Wo hätte sie auch mit ihren beiden Kindern hingehen sollen? Sie tat auf Geheiß ihres Liebhabers alles, um ihre Schwangerschaft zu verheimlichen und brachte  das Kind "ohn hülpff und beystandt anderer ehrlicher weiber" zur Welt. Kurz nach der Geburt erstickte sie das Kind. Ob sie dies von sich aus tat, oder ob sie hierzu von ihrem Liebhaber angestiftet worden war, blieb im anschließenden Strafverfahren ungeklärt.

 

Als in Umstadt das Gerücht umging, Barbara sei schwanger gewesen, verließ sie Umstadt fluchtartig. Auch ihr Liebhaber verschwand. Aber die Frau kam nicht weit. Ausgeschickte Häscher nahmen sie schon kurze Zeit später in Lengfeld fest und sperrten sie im Steinbornstorturm in Umstadt ein. In der Vernehmung gab sie die Tat ohne Umschweife zu. Das Verfahren nahm nun seinen gewohnten Gang.

Das Inquisitionsverfahren

Am 26. Mai1657 erhob der "fiscalische Ahnwaldt", der dem heutigen Staatsanwalt entspricht, eine "Articulierte Peinliche Anclag" wegen Kindsmord gegen Barbara Weyllandt. Der Kern der Anklage bildeten 14 einzeln aufgeführte Behauptungen. Sie geben gestrafft den Sachverhalt   wieder,  den man der Angeklagten vorwarf. Die Sitzung des "Hochpeinlichen Centh- und  Halßgerichts" fand in der Säulenhalle des Umstädter Rathauses in feierlicher,  althergebrachter Form statt. Das Gericht war mit dem Schultheißen Hannß Georg Ganß als "Centhgraff" und vierzehn Schöffen als „urtheiler“  besetzt.

Der  Ankläger, ein Joh. Jacob Küßmundt, las aus der Anklageschrift die 14 "articulierten" Behauptungen vor. Der schwerwiegendste Vorwurf lautete: 

8. Ob es wahr sei, so baldt sie das lebendige Kindtlein uff der welt empfangen,  daß es nit schreyen  künne,  solches  so lang sein mündtlein  und naßen zugetrückt,  biß es verstickt, also dasselbe auß teufflischer  neigung mutwilligerweiß umbs leben gebracht.

Fast  alle Behauptungen, vor allem diese wichtigste, bestätigte die  Angeklagte ("sagt, sey  geschehen"). Damit war praktisch das Urteil gesprochen.

 

Die Verteidigung

Der   Verteidiger versuchte zu retten, was zu retten war. Er brachte vor, es sei "weder auf Jahr, Monat oder tagh" bekannt,  wann die Tat begangen  worden sei. Außerdem wollte er wissen, "wo daß kindt undt an welchen orth gefunden und besichtigt   worden". Auch wies er auf ihr "ersahmes Verhalten in ihrem fast dreijährigen witibenstandt" hin, weiterhin darauf, dass Barbara "so liederlich verführt worden."  Der Gerichtsschreiber protokollierte das mit vielen lateinischen Sentenzen geschmückte Vorbringen des gelehrten Verteidigers, der Notar und Stadtschreiber in Darmstadt war.  

Die "Peinlich Beklagte" und ein "Weib, welche ihr (Barbaras) kleinstes knäblein von vier Jahren bey sich hatte", hatten das letzte Wort und baten "mit dem kind weynend   umb gnad."

Das Urteil

Nachdem die unglückliche Frau wieder ins Gefängnis geführt worden war, sprach das Gericht der "Hurerey undt darauff erfolgten Morthes" schuldig.  Sie sei nach Art. 131 der Peinlichen Gerichtsordnung Kaiser Karls V. (der sog.Carolina) "andern zu einem Exempel undt Abscheu mit  glüenden  Zangen zu reißen" und dann  zu  ertränken. Weil aber "zu dem erträncken dieses orts keine Bequemlichkeit  zu finden" solle sie statt dessen "mit  dem Schwert vom Leben zum Todt hingerichtet werden".

So hätte das Schicksal nun seinen Lauf nehmen können. Die Hinrichtung war auf den 15.06.1657 festgesetzt. An diesem Tag sollte der Nachrichter Barbara auf dem Markplatz mit dem Schwert enthaupten.

Die Flucht

Doch dann geschah etwas Überraschendes: Als die Ehefrau des Stadtknechts Hannß  Blanck in der Nacht der Gefangenen das Essen bringen wollten, stellte sie fest, dass Barbara aus dem Gefängnis entflohen war, obwohl  "sie an einer sehr starcken Ketten und Banden mit einem   wohverwahrten Schloß ahngeschlossen geweßen". Es lag auf der Hand, dass die Flucht nur mit fremder Hilfe gelungen sein konnte. Die sofort eingeleitete Suche nach der Verurteilten blieb erfolglos.   

Der  Verdacht der Fluchthilfe fiel sofort auf den Stadtknecht, der für die Sicherheit des Gefängnisses verantwortlich war. Obwohl man ihn gleich arrestierte, stritt er alles ab, als ihn drei Ratspersonen am 3.6.1657  einem förmlichen Verhör unterzogen. Er räumte zwar ein, dass die Verurteilte "grosse hülff gehabt haben müsse", er habe aber "die geringste Ursach  nit  dran".

Im   weiteren Verlauf des Verhörs gab Blank jedoch ein Detail zu Protokoll, das für die Stadtoberen mehr als peinlich war: Bürgermeister Hannß Frieß  (der  Vater des entwichenen Liebhabers)  habe ihn und seine Ehefrau vor einigen Wochen aufs Rathaus beordert und ihnen dort 10 Taler geboten, wenn sie der gefangenen "forthülffen und auch fünffzig  insambt, dass sie nur über berg und thal  käme". Er – Blanck – habe das aber abgelehnt.

Was heute für politischen Wirbel gesorgt hätte, kehrte man damals unter den Teppich. Die Ratsherren machten darüber kein Aufhebens, sondern versuchten den gegen Blanck bestehenden Verdacht der Fluchthilfe in einem weiteren Verhör zu erhärten, bei dem sogar die landesherrlichen Amtsverweser zugegen waren. Nachdem man ihn "mit allem fleiß examinirt" hatte, ohne dass etwas dabei heraus kam, bedrohte man ihn mit der Folter, ebenfalls ohne Erfolg.

Der Ehebrecher

Der hessische Amtsverweser Tobias Schreiber war mit seinem Latein am Ende. Mit   Genehmigung beider Herrschaften entließ er Blanck aus der Haft. Alles schien sich in Wohlgefallen  aufzulösen. Die Ehefrau des  Hannß Georg Frieß, der zwischenzeitlich in Bad Schwalbach aufgetaucht war, bat um Gnade für ihren untreuen Ehemann, der von einer „liederlichen Weibsperson“ verführt worden sei. Die Landesherrschaften stellten in Aussicht, dass der Ehebrecher gegen Zahlung einer Geldbuße und öffentlicher Kirchenbuße wieder nach Umstadt zurückkehren könne.

Der betrunkene Stadtknecht

Da nahm der Fall erneut eine Wendung. Am  18.07.1657 saß Blanck im   Wirtshaus. Nachdem er einige Schoppen getrunken hatte,  ließ er die Bemerkung fallen, er wisse schon, wo die entkommene Kindmörderin  hinkommen  wäre. Die Obrigkeit maß dem aber keine besonderen Bedeutung bei, weil Blanck betrunken gewesen sei und entließ  ihn nach einem  kurzen Verhör.

Blanck hatte jedoch nichts besseres zu tun, als auf dem Heimweg wieder in das gleiche Wirtshaus  einzukehren. Dort zechte er munter weiter und packte, als der Umstädter Bürger Hannß Nell die Tür hereinkam, erst richtig aus. "Da kümbt der rechte mörder", rief er, "dießer  hat  die   Frau ermordt, es sind aber ihrer drey geweßen, Hannß Peter Frieß hat sie gehalten, Enners Frieß aber hat Schildtwacht gestanden".  Die Anwesenden witterten eine Sensation. Der Wirt bot dem Stadtknecht zwei Reichstaler, wenn er bei der zu erwarten­den erneuten Vernehmung bei seiner Aussage bliebe. Der zufällig ebenfalls anwesende Bürgermeister Hundt, dem es offensichtlich nur Recht  war, wenn der Name Frieß im Gerede blieb, versprach einen weiteren  Reichstaler  "so er bei seinen wortten bliebe". Der wackere Stadtknecht  versprach dies hoch und heilig .

Am 23. 07.1657  wurde Blanck vom pfälzischen Keller im Beisein dreier  Ratspersonen (darunter auch Hundt) vernommen. Als er mit seinen Beschuldigungen in der Wirtschaft konfrontiert wurde, antwortete er, er sei "sehr truncken geweßen",  Er wisse nicht, was er von sich gegeben habe, "der  teuffel muß es aus ihm geredt haben". Weiter bekam man von ihm nichts heraus. Ausführliche Vernehmungen der Gäste, die Blancks  Anschuldigungen mitangehört hatten, führten nicht weiter.

Nachdem der hessische Amtsverweser Schreiber dem Landgrafen darüber berichtet hatte, was der Stadtknecht "abermalß zeter trunckenerweiß vor unnütze Händel undt unerleßliche bezüchtigungen   angefangen", wies der Landgraf  ihn an, dass gegen die "drei   Personen wegen Hinwegschaffung der Kindsmörderin" nichts unternommen werden solle, sofern sich nichts weiter ergebe. Damit schließen die Akten. 

Die Hinrichtung

Das Schicksal der Barbara Weylandt hätte sich im Dunkel der Geschichte verloren, wenn nicht der Zufall die privaten Aufzeichnungen des Umstädter Ratsmitglieds und Schöffen Heinrich  Kunkel  („Hausmanual") erhalten hätte. Kunkel  berichtet  in   einer  „Beschreibung peinlichen Halßgerichts" von einem Strafverfahren gegen „Barbara Weyllandt , Hannß Eysingers hindterlassene wittibin", das er an Stelle des erkrankten  Schultheißen Hannß Georg Ganß zu leiten hatte.

Die von ihm ausführlich beschriebene Verhandlung fand am 16.04.1658 statt, also im Frühjahr des folgenden Jahres, nachdem Barbara entwichen war. Man hatte die unglückliche Badermagd also zwischenzeitlich wieder gefasst und verurteilt. Der Nachrichter enthauptete Barbara Eysinger am gleichen Tage auf dem Umstädter Marktplatz.

Am Schluss des Urteils sind die „Cent- und Bluthschöffen“ aufgeführt. Dort heißt es u.a. „Hanns Frieß war abwesent.“  Er wird gewusst haben warum.

(1) Der Akten zur Badermagd Eysinger sind die einzigen in der alten Umstädter Strafrechtspflege, die das gesamte Verfahren dokumentieren - StA Darmstadt E9 Konv.27, Fasc 6.

Der Scharfrichter Paul Schwert

Wer das Urteil gegen die unglückliche Badermagd vollstreckte, wissen wir nicht. Der Name taucht in den Akten nicht auf. Nach dem 30-jährigen Krieg war Paul Schwert Scharfrichter und Wasenmeister in Umstadt. Wir wissen bisher allerdings nicht, wann er sein Amt antrat und auch nicht, woher er stammte. Einer Zeugenvernehmung im Jahr 1685 entnehmen wir, dass er ca. 1632 geboren und reformierter Religion war. Ob er schon 1658 Urteile in Umstadt vollstreckte muss offen bleiben, solange hierzu keine neuen Belege bekannt werden.

Unabhängig davon können wir Paul Schwert als den Stammvater der folgenden Umstädter Scharfrichter ansehen. Über seinen Sohn Johannes führt die Linie zur Familie Klotz, der die letzten Henker in Umstadt  entstammen.

Bemerkenswert ist, dass Paul Schwert nicht nur in Umstadt, sondern auch in der weiteren Umgegend wegen seiner medizinischen Fähigkeiten bekannt war. Weil Scharfrichter oft Wunden und Brüche behandeln mussten, die sie Beschuldigten während der Folter zugefügt hatten, gewannen sie einen Ruf als Chirurgen und Wundärzten. Es war deshalb keine Seltenheit, dass sie zur Behandlung von Krankheiten aufgesucht worden. So kam 1685 eine Frau aus Groß-Ostheim zu Paul Schwert „wegen eines gefährlichen Armschadens anhero in die Chur“. Die nicht näher beschriebene Therapie führt allerdings zum Tod der katholischen Frau. Bei ihrer Beerdigung kam es zu massiven, durchaus unchristlichen Streitigkeiten zwischen den Umstädter Lutheranern und Calvinisten. Hierüber ist mit näheren Einzelheiten in einer früheren Ausgabe des OB berichtet worden.

Die soziale Stellung des Scharfrichters war allerdings zwiespältig. Obwohl er wegen medizinischer, auch angeblich magischer Fähigkeiten ein gewisses Ansehen genoss, galt sein Beruf als „unehrlich“. Schon die Berührung von Geräten, die er benutzte, führte zur gesellschaftlichen Ächtung. Niemand wollte deshalb helfen, wenn etwa der Galgen vor der Stadt repariert werden musste.

Der Scharfrichter war zudem als Wasenmeister mit der Beseitigung von Tierkadavern und damit zusammenhängenden Aufgaben beschäftigt. Dazu gehörte auch, dass er die Gefängnisse zu reinigen, die Leichen vom Galgen zu nehmen und zu begraben hatte, alles Tätigkeiten, mit denen die ehrbare Bürgerschaft nichts zu tun haben wollte. Er blieb daher ein Fremder in der Stadt, dem man eine Wohnung vor den Mauern in der „Meisterei“ zuwies. Das Haus war – als Teil der Entlohnung des Wasenmeisters – von der Stadt zu unterhalten. In Umstadt ist das Gebäude der Meisterei schon 1525 erwähnt, bestand aber sicherlich schon länger. Es stand im Bereich der später errichteten jüdischen Synagoge. Im städtischen Brandkataster wird die Meisterei als ein „zweistöckig Hauß mit Scheuer, Pferde- und Schweinestall“ beschrieben.

Die Söhne des Paul Schwert blieben nicht in Umstadt, wo es offenbar zu wenig zu verdienen gab. Einer (Johannes) ging nach Gießen und heiratete dort. Seine Tochter Anna Margaretha Schwert nahm Anton Klotz zum Ehemann. Klotz war in Frankfurt in der Strafvollstreckung in untergeordneter Stellung tätig, konnte sich dort aber nicht halten. Mit seiner Heirat nahm er die Stelle von Paul Schwert in Umstadt ungefähr ab 1717 inne. 

Der Lasterstein

Zu dieser Zeit war man in Umstadt um eine Verschärfung der Strafrechtspflege bemüht. Das Oberamt beschloss, einen so genannten „Lasterstein zu mehrerer Handhabung der Justiz und disciplin uff allhiesigem Marcktplatz uffrichten zu lassen.“ Es handelte sich dabei um einen treppenförmigen Aufbau am Rathaus, ungefähr 1,50 hoch zu einem Stein, auf den ein oder auch zwei Personen gestellt werden konnten, die mit einem Halseisen oder einem Seil am Rathaus angekettet waren, um sie dem Spott der „ehrbaren Leute“ preiszugeben.

Dabei handelte es sich entweder um Delinquenten, die geringere Delikte wie einfachen Diebstahl begangen hatten oder auch nur um lästige Landstreicher, die man wieder loswerden wollte.  Beispielweise griff man 1717 in Nieder-Kainsbach unter verdächtigen Umständen einen gewissen Johannes Jahn mit seiner Begleiterin Margarethe Wagnerin auf und schaffte sie nach Umstadt zum Verhör im Inquisitionsverfahren. Nachdem dabei nichts Greifbares heraus kam, schloss Anthon Klotz beide für eine knappe Stunde an den Lasterstein und verwies sie dann des Landes. Beide mussten schwören, Umstadt und Umgebung nie mehr zu betreten, andernfalls schwere Bestrafung drohte. 

1727 starb Anthon Klotz. Sein Sohn Johann David Klotz war sein Nachfolger. Er war der letzte Scharfrichter von Umstadt. Von ihm soll in der nächsten Folge die Rede sein. Er hatte die schwerste Aufgabe übernommen, die je in Umstadt für den Henker anfiel: die Hinrichtung einer Räuberbande, die den Odenwald und die umgebenden Lande unsicher machte. Davon das nächste Mal.

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