Pfarrhof und Pfarrhaus im alten Umstadt


Mit dem Westfälischen Frieden im Jahr 1648 war auch in Umstadt die schwere Zeit des 30-jährigen Krieges vorbei. Die Menschen konnten hoffen, nach langen kummervollen Jahren endlich wieder in Frieden und Eintracht zu leben. Dieser Wunsch ging aber nur begrenzt in Erfüllung. Denn der Friedensschluss setzte im Amt Umstadt Kurpfalz wieder in seine alten Rechte neben dem Haus Hessen ein, wie sie vor dem Krieg bestanden hatten. Kaum war dies geschehen, brach zwischen beiden Landesherrschaften der alte Streit um kirchliche Rechte ("ius episcopale") wieder aus. Dabei ging es vor allem darum, wer das Recht haben sollte, den gemeindlichen Pfarrer einzusetzen. Die Pfälzer nahmen dieses Recht für sich alleine in Anspruch, während Hessen auf die Teilung aller Herrschaft bestanden, wie sie in einem Vertrag von 1594 vereinbart worden sei.

In der schrecklichen Zeit des 30-jährigen Krieges war dies kein Problem, weil Hessen alleiniger Träger der Herrschaft in Umstadt war und sich um Pfälzer Ansprüche nicht zu kümmern brauchte. Außerdem hatte man in dieser schweren Zeit wahrlich andere Sorgen und Aufgaben, die es zu bewältigen galt. Die Hessen waren treue Lutheraner. Auch der weitaus überwiegende Teil der Umstädter Bevölkerung bekannte sich zum Luthertum.

Hinter dem Rathaus stand früher das Pfarrhaus im „Pfarrhof“

Der amtierende Pfarrer Gerlach wohnte unangefochten in seinem Pfarrhaus und hielt regelmäßig Gottesdienst in der nahegelegenen Stadtkirche. Sein Haus stand damals nicht etwa am Darmstädter Schloss, also an dem Ort, dem die Umstädter Stadtväter vor einiger Zeit den Namen "Im Pfarrhof" gegeben haben, sondern auf dem Platz hinter dem Rathaus, also dort, wo heute das v. Kaminski'sche Barockhaus aus dem 18. Jahrhundert steht.

Am 16.10.1649 sprach überraschend der pfälzische Keller Stefan Helffrich bei seinem Darmstädter Kollegen Tobias Schreiber vor und erklärte er habe von seinem Herrn, dem Kurfürsten Carl Ludwig, Befehl, die Umstädter Bürgerschaft zusammenkommen zu lassen, "um alhier einen neuen Pfarrer vor ihre Seelsorge vorzustellen." Schreiber widersprach diesem Ansinnen sofort, weil es den Hessen nachteilig sei. Damit war der Konflikt vorbereitet, der sich fortsetzte, wie dies in Umstadt - und nicht nur dort - auch bei anderer Gelegenheit üblich war.

Am Abend des 22.10.1649 kamen vom Otzberg her vier kurpfälzische Musketiere, die sich im Gasthaus zur Krone am Markt einquartierten zusammen mit einigen anderen Soldaten. Am frühen Morgen des folgenden Tags umstellten sie "ringßum" die Kirche. Der pfälzische Keller rief den Glöckner herbei und befahl ihm, die Glocken zu läuten. Der lehnte dies jedoch aus treuer hessisch-lutherischer Gesinnung ab. Zwischenzeitlich hatte man Schreiber alarmiert, der mit drei Ratspersonen als Zeugen anrückte, um Protest einzulegen. Helffrich marschier te jedoch unbeeindruckt zu Pfarrer Gerlach und befahl, die Kirchenschlüssel und "was zur Kirche gehörig" herauszugeben und das Pfarrhaus zu räumen. Als er damit keinen Erfolg hatte, schlugen die Soldaten kurzerhand die Kirchentür mit einem Schmiedehammer ein, "welchen der pfälzische Keller abends zuvor den Soldaten in der Cron selbsten gebracht." Während die Musketiere den protestierenden Schreiber umzingelten, betrat der Helffrich mit dem neuen Pfarrer die Kirche und drohte seinem Kollegen Schreiber an, er werde Gerlach "gewalttätig aus dem Pfarrhaus vertreiben."

Der hessische Keller mußte der Gewalt weichen. Er wandte sich ratsuchend an die Darmstädter und Kasseler Herrschaften, die damals gemeinschaftlich den hessischen Anteil innehatte. Die beriefen sich gegenüber Kurpfalz darauf, daß Hessen die Reformation in Umstadt eingeführt habe. Ihr Großvater - gemeint war Landgraf Philipp der Großmütige - habe "anfangß im Umbstatt das pabsttumb ausgesetzt", als die Pfalz "noch papistisch gewesen" sei.

Doch mit schönen Argumenten war nichts zu machen. Die Pfälzer beriefen sich darauf, sie hätten schon 1618 und davor das ius episcopale alleine und ungeteilt innegehabt. In der verfahrenen Situation griffen auch die Hessen zu Gewalt. Zum Jahreswechsel 1649/1650 rückten dreißig hessische Musketiere in Umstadt ein. Sie brachen wie die Pfälzer die Kirchentür auf, um Pfarrer Gerlach die Predigt zu ermöglichen.

Da es auf diese Weise nicht weitergehen konnte, kamen die Streithähne überein, eine einvernehmliche Regelung zu suchen. Auch dies wiederholt sich immer wieder in der Umstädter Stadtgeschichte, ohne daß die Herrschaften je dauerhafte Ergebnisse erzielt hätten. So sollte es auch jetzt kommen. Am 04.05.1650 trafen sich in Umstadt der kurpfälzische Cammer-präsident von Wolzogen mit den Fürstlich-Hessischen Räten Conradius Fabricius (Doctor der Rechte) und Henrich Wannemacher. Der Pfälzer wies mit Stolz darauf hin, man sei "1618 alhier in der religion allein gewest"; daher beanspruche man auch jetzt wieder das alleinige "ius episcopale". Damit konnte sich die Hessen nicht einverstanden erklärten. Man habe"vermög Reichsfriedensschluß die Augsburgische Confession alleine alhier exerciert", habe aber in "gutnachbarlicher Einigkeit die hellft gutwillig remittiert." Kurpfalz habe also"aus den Händen des Hauses Hessen halb Umstadt empfangen; Landgraf Philipp habe ohne Zutun von Pfaltz den Ersten Evangelischen Prediger installiert und also alhier das ius episcopale exerciert." Pfälzer Spitzfindigkeiten (Hessen-Darmstadt habe ja nur 1/4 gehabt und daher auch nur 1/4 zurückgeben können) halfen nicht weiter.

Die Parteien einigten sich schließlich, jedenfalls schien es so. Pfarrer Gerlach durfte im Pfarrhaus hinter dem Rathaus bleiben bis zu seinem Tod oder "so lange er noch Pfarrer des Orts sein wird", dem reformierten Pfarrer wurde das sog. Kaplaneihaus in der Nähe zugewiesen. Beide hatten ein gemeinschaftliches Nutzungsrecht an Brunnen und Scheuer des Pfarrhauses. Beide Pfarrer wechselten sich jeden Sonntag in der frühen Predigt ab.

So weit so gut könnte man denken. Aber die Sache hatte einen Haken: auf hessischer Seite war nur Hessen-Darmstadt vertreten, nicht Hessen-Kassel, das neben Darmstadt 1/4 Herrschaftsanteil trug. Als Landgraf Wilhelm erklärte, er nehme das Ergebnis der Konferenz nicht an, schrieb Kurfürst Carl Ludwig am 03.05.1651 an ihn, den "Herrn Vetter, Schwager und Bruder", auch Kurpfalz fühle sich nicht an seine Zusagen gebunden.

Mit einem Wort: die gesamten Verhandlungen waren für die Katz. Am 22.09.1652 teilte Schreiber der Darmstädter Kanzlei mit, er habe gerüchteweise gehört, daß die Pfälzer "das Pfarrhaus occuppieren und der Gesamtpfarrer - es war immer noch Matthäus Gerlach - aus der possession gesetzt werden" solle. Am ersten Advent des gleichen Jahres kam es wieder zum Konflikt: der pfälzische Keller erschien bei Schreiber und zeigte ihm an, daß "Amtmann Curtius alhier wehre", um in der Kirche den ehemaligen refomrierten Wächtersbacher Pfarrer Johannes Heilmann der Gemeinde am Schluß des Gottesdiensts vorzustellen. "Die Herrschaften seien wegen des Kirchsatzes noch ohnverglichen." Schreiber protestierte und eilte zur Stadtkirche. Dort hatte der Pfälzer vorsorglich den Umstädter Stadtknecht, "welches ein leichtfertiger bösewicht", zur Bewachung des Eingangs befohlen, der die Besucher des Gottesdiensts daran hindern sollte, nach der Predigt Gerlachs nach Hause zu gehen. Damit kam er aber nicht weit, weil Schreiber den Besuchern des Gottesdiensts befahl, die Kirche zu verlassen. Zum Zorn des Pfälzers und zur Erleichterung Schreibers "machten sich die meisten davon." Ein Appell an Curtius, zum "heutigen Adventsfest keinen dergleichen tumult anzufangen" verpuffte. Der Keller las den wenigen, die dageblieben waren, ein kurfürstliches Schreiben vor, wonach Heilmann nunmehr "inspector und Seelsorger" von Umstadt sei. Es folgten die üblichen Protestationen und Reprotestationen. Immerhin stellte Schreiber befriedigt fest: "Die ganze Bürgerschaft aber heim gegangen."

Alles blieb bei fortdauernden Streitigkeiten in der Schwebe. Weil beide Herrschaften Anspruch auf das Pfarrhaus hinter dem Rathaus hatten, kümmerte sich im Ergebnis keine darum. Das Haus verkam mehr und mehr. In einem Brief Schreibers an Landgraf Wilhelm vom 16.11.1658 heißt es, "das Pfarrhauß, worinnen der Sambtpfarrer wohnt" sei "gantz baufellig, also dass der Pfarrer bißhero mit leib- und lebensgefahr darinnen sich aufhält." Er sei mit Weib und Kind in Gefahr, weil sich "in der obersten Stuben der Giebel hienausgezogen" habe, Estrich sei in den untersten Stock gefallen. Schreiber fügte warnend hinzu, es bestehe die Gefahr, daß bei einem Auszug Gerlachs aus dem Haus "die Churpfältzischen das Pfarrhauß sich impatronieren und sich also in possession setzen werden."

Weil die Hessen die Warnung in den Wind schlugen, kam es, wie Schreiber vorausgesagt hatte: als Gerlach mit seiner Familie das Haus verließ, zog einige Zeit später der reformierte Pfarrer Heilmann ein. Wegen der ungeklärten Eigentumsverhältnisse ließen aber auch die Pfälzer das Haus verfallen. Der pfälzische Collector Cappeller drückte dies rund 100 Jahre später in einem Bericht so aus: Das Pfarrhaus, das "auf dem Pfarrhof hinter dem Rathaus" gestanden habe, sei zusammengefallen und "zu einem gemeinen Taumelplatz geworden, der von jedermann mißbraucht" werde.

Die Hessen waren der Streitereien um das Pfarrhaus müde. Ihr Beamter Chelius erbaute 1675 am Darmstädter Schloß ein eigenes Haus für den lutherischen Gemeindepfarrer. Aber auch damit waren die Pfälzer nicht zufrieden. Sie mokierten sich darüber, daß das Haus auf einem "gemeinschaftlichen Hofplatz" erbaut worden war, der - wie fast alles in Umstadt – beiden Herrschaften zu je 1/2 gehörte. Damit hatten sie recht.

Denndas Haus war nicht auf dem zum Schloß gehörenden Hofbereich gebaut, sondern an die "große Mauer", die den Bereich nach Süden hin abschloß. Dort gab es keine alleinigen Darmstädter Rechte, weder weltlicher noch kirchlicher Art. Der Platz war von Hausse aus kein "Pfarrhof", wie ihn vor einiger Zeit die Stadtväter getauft haben.

Weil aber das Pfarrhaus nun einmal dort stand, nützten alle Proteste nichts. Hessen-Darmstadt gelang es, den "gemeinschaftlichen Hofplatz an sich zu ziehen", wie Cappeller in seinem Bericht 1756 klagte. Die chronischen hessisch-pfälzischen Auseinandersetzungen wandten sich anderen Themen zu. Erst in jüngster Zeit ist wieder Streit um das Pfarrhaus ausgebrochen, das wie das vorige jetzt verfallen und verwahrlost ist. Doch dies ist eine andere Geschichte.