Umstadt wird hessisch

ein vergessenes Jubiläum


 

 Am 05.06.1504 eroberte der hessische Landgraf Wilhelm II im sog. Landshuter Erbfolgekrieg unsere Stadt. Sie steht seitdem - teils in Gemeinschaft mit Kurpfalz, teils alleine  - unter hessischer Herrschaft bis zum heutigen Tag. Allerdings scheint sich niemand an dieses immerhin 500-jährige Jubiläum zu erinnern, obwohl der Wechsel der Landesherrschaft doch wohl ein bedeutendes Ereignis in der Geschichte unserer Stadt ist.

 

Die Landshuter Fürstenhochzeit

 

Die kriegerische Eroberung Umstadts hatte folgende Vorgeschichte: 1475 heiratete der Landshuter Herzog Georg der Reiche in einem prächtigen Fest die polnische Königstocher Jadwiga. An das Hochzeitsfest erinnern sich die Landshuter noch heute. Sie feiern alle vier Jahre im größten historischen Fest Deutschlands die „Landshuter Fürstenhochzeit“ neu. Die Ehe des Herzogs stand unter keinem guten Stern: sie blieb ohne männlichen Nachkommen. Georg der Reiche setzte daher seine Tochter Elisabeth als seine Erbin ein, die mit Ruprecht von der Pfalz verheiratet war. Damit verstieß er allerdings gegen Wittelsbacher Hausverträge, die der männlichen Erbfolge den Vorrang gaben.

 

Der Erbfolgekrieg

 

Das Ergebnis war vorprogrammiert: es kam zum Erbfolgekrieg, als Georg der Reiche am 01.12.1503 verstarb. Kurpfalz traf hektische Kriegsvorbereitungen für das Amt Otzberg, zu dem es Umstadt kurzerhand dazuzählte. Die Bilanz war kläglich. Es standen für diesen Bereich gerade einmal 86 Mann in Waffen zur Verfügung, davon 40 Spießer mit 4 Spießwagen und 24 Büchsenschützen. Auf dem Otzberg gab es 15 kupferne „Hakenbussen“ (kleine Handkanonen mit Haken, die man auf die Schießscharte legte), im Pfälzer Schloss in Umstadt gerade einmal 3 Stück dieser Waffen, allerdings „kein Pulver“. Ersatz war nicht in Sicht. In aller Eile sollten auf Kosten der Herrschaft Zinnen auf der Stadtmauer (jeweils drei, davon eine offen) und weitere Bollwerke geschaffen werden, beispielsweise am „Newen Thurm“ (wohl der Bachtorturm) und am Dieburger Tor. Die herrschaftlichen Häuser waren mit starken Riegeln zu versehen. Weitere ähnliche Maßnahmen, die in einem „Reißbuch“ von 1504 aufgeführt sind, sollten die Sicherheit erhöhen, wobei zweifelhaft ist, ob dies alles in der Kürze der Zeit durchführbar war.

 

Die Eroberung Umstadts

 

Nach dem Tod Georgs des Reichen sprach Kaiser Maximilian das Landshuter Erbe der Münchener Linie zu und belegte Ruprecht mit der Reichsacht. Mit deren Vollzug beauftragte er u.a. den hessischen Landgrafen Wilhelm II., der  - anders als sein Vater - habsburgisch-kaiserlich eingestellt war. Der Krieg nahm - jedenfalls in der hiesigen Gegend - einen raschen Verlauf. Wilhelm II.  zog mit ca. 30.000 Mann von Marburg aus in das Gebiet des heutigen Südhessen. Am 05.06.1504 fiel Umstadt ohne große Gegenwehr in seine Hand. Der lichtenbergische Amtmann Reinhard von Boineburg fand vor den Toren der Stadt den Tod. Viele der umliegenden Dörfer wurden verwüstet. Huppelnheim und Wächtersbach gingen völlig unter. Die überlebenden Einwohner von Wächtersbach (darunter die Familie Emmerich)  bildeten in den folgenden Jahrhunderten eine besondere Gemeinde in Umstadt. Noch während des Krieges im August 1504 sprach Kaiser Maximilian den Hessen die Stadt Umstadt - damals mit ungefähr 1100 Einwohnern etwa so groß wie Darmstadt - als Schadensersatz zu.

 

Aber der Besitz der Stadt war noch nicht gefestigt. Zwar entfiel der Anlass des Krieges, als Pfalzgraf Ruprecht und seine Ehefrau Elisabeth bereits 1504 verstarben. Der Kaiser und die Pfälzer versöhnten sich wieder, waren sich aber nicht einig, was mit Otzberg und Umstadt geschehen sollte. Die neue hessische Herrschaft hatte deshalb ihre Mühe, sich in den Ämtern Umstadt und Otzberg durchzusetzen. Als die Lengfelder 1506 sich pfälzisch-widerborstig zeigten und nicht zum festgesetzten Tag des Centgerichts erschienen, fiel der Landgraf mit Ross und Reiter dort ein. Seine Soldaten plünderten den Ort, stahlen das Vieh und rissen sogar „etlichen weibern und döchtern den Schleier und die Kleider vom Leibe.“

 

 Die Einigung mit Kurpfalz

Erst auf dem Reichstag zu Worms 1521 kam es zu einer Einigung. Kurpfalz trat wieder in seine alten Rechte in Umstadt ein. Die Orte des Amts Otzberg schieden aus dem Centverband aus, dem fortan Hessen und Kurpfalz in ungeteilter Herrschaft vorstanden. Hanau verlor gegen Zahlung von 12.000 Gulden seine Herrschaftsrechte und nahm zusätzlich Kleestadt, Langstadt, Schlierbach, Harpertshausen und Schaafheim ins hanauische Babenhausen mit. Diese vertraglichen Regelungen, die Umstadt und seine Cent empfindlich schwächten, hatten ihren Hintergrund in der Bedrohung der Stadt und ihres Umlands durch den Reichsritter Franz von Sickingen. Sie zwang die vorher verfeindeten Hessen und Pfälzer zu einem Bündnis. Philipp der Großmütige, der Landgraf von Hessen, wäre sonst wohl kaum bereit gewesen, das von seinem Vater „mit dem Schwert“ eroberte Umstadt teilweise wieder heraus zu geben.

 

1803 kam Umstadt im Rahmen der napoleonischen Neuordnung vollends zu Hessen und blieb es bis zum heutigen Tag. Dass seine Herrschaft am 05.06.2004 ein halbes Jahrtausend alt ist, sollte mit dieser kleinen Abhandlung in Erinnerung gerufen werden.

 

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