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Der Wanderklub „Frohsinn“ Groß-Umstadt

Teil 1: Die Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg

von Peter Füßler.

Am 14.02.1921 trafen sich in der Gastwirtschaft „Zum Schützenhof“ in der Höchster Straße fünf junge Umstädter Burschen: Philipp und Georg Füßler, Fritz Fengel, Hans und Adam Merz. Alle waren naturverbunden und liebten es, mit Musik und Gesang durch Feld und Flur zu wandern. In ihrer Freizeit lebten sie nach den Idealen der sog. Jugendbewegung, die sich seit Beginn des Jahrhunderts – von den Großstädten her kommend – über ganz Deutschland ausgebreitet hatte. Die Mitglieder dieser Bewegung  waren romantisch  gestimmt: Sie lehnten pomphaften Prunk und das militärisch-chauvinistische Gehabe des konservativen Bürgertums ab, das für die Kaiserzeit charakteristisch war. Sie suchten Verbindung zu Gleichgesinnten in lockeren „Bünden“, um nach ihren Idealen und jugendlichen Wünschen zu leben, ohne von den Erwachsenen bevormundet zu werden. Daher beschlossen die fünf jungen Umstädter, den „Wanderklub Frohsinn“ zu gründen.

Initiator, Herz und Seele des Frohsinn-Vereins war Georg Füßler, der damals knapp 16 Jahre alt war. Georg war bei aller Naturverbundenheit organisatorisch begabt.  Er war schon vor der Gründung des Vereins oft mit seinem Bruder Philipp, seinen Freunden Fritz Fengel, Georg Mohr und anderen im Umstädter Land unterwegs. Dem sollten sich nun andere junge Umstädter anschließen. Erster Vereinsvorsitzender wurde Philipp Füßler, sein Vertreter Adam Merz. Schriftführer war Georg Füßler. Als Vereinslokal diente die Gastwirtschaft Schmidt in der Richer Straße (jetzt Dambach). Neben dem Wandern hatte sich der Verein der Pflege volkstümlicher Musik verschrieben. Philipp Füßler war ein talentierter Bauer von Mandolinen und Gitarren. Schon bald hatte man im Verein ein kleines Orchester von acht Mann zusammen, das unter der Leitung der Gebrüder Füßler regelmäßig übte.

 

Gerog Reocjweom

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Das ist Geor Reichwen                                                                                                                    Der OHl´sche Berg                                                Gerog Füßler                                Fengels

 


 

Ende des Jahres 1921 hatte der Verein bereits 60 Mitglieder. Sie wanderten eifrig zum Felsenmeer und Melibokus, nach Brensbach zum Schnellerts, ins Mümlingtal und nach anderen Zielen. Mit dabei waren neben den Gründungsmitgliedern  Jakob Reichwein, Lina und Wilhelm Depré, Else und Karl Zibulski, Marie Geidel, Anna Nick, Hellmuth Staudt, Karl May (Zimmerplatz) u.a.

Das erste Vereinsfoto stammt vom 21.05.1922, als vor der Wanderung zum Schnellerts die gesamte Gruppe vor der Ganß´schen Villa fotografiert wurde (Foto006). Obwohl der Verein blühte und gedieh, blieben auch bei ihm die üblichen Streitigkeiten nicht aus. Schon nach einem Jahr kam es, wie es im Tagebuch heißt, zu  „Hetzungen gegen die Gründer des Klubs, die  Gebr. Füßler. Endigte mit einem solchen Tumult, dass die Gebr. Füßler ihren Austritt aus dem Klub erklärten.“ Aber bald war das wieder ausgebügelt. Die Streithähne Hans Merz, Georg Zimmer und Jakob Reichwein erhielten einen „Verweis“, Georg Füßler wurde auf 5 Jahre zum Geschäftsführer gewählt. Damit war die Sache ausgestanden.

Der „bündisch“ gesinnte Verein suchte bald nach überregionaler Verbindung mit Gleichgesinnten. Nachdem sich eine Mitgliedschaft beim „Bund Frankfurter Wandervereine“ als unbefriedigend und nicht tragfähig erwiesen hatte, entschloss sich Georg Füßler kurzer Hand, einen eigenen Bund zu gründen. Er erhielt den – etwas großspurigen – Namen „Bund hessischer Jugendwandervereine“. Mitglieder waren neben dem „Frohsinn“ Vereine aus der näheren Umgebung (Richen, Mosbach, Schaafheim, Schlierbach, Münster, Biebesheim und Babenhausen). Das Vereinsleben war rege. Auf dem Bundesfest in Schlierbach 1922 fand z.B. ein Mandolinenwettbewerb statt, Mitglieder der Vereine waren auf einem 15-km-Gepäckmarsch unterwegs und präsentierten sich der Bevölkerung in einem Festzug. Dabei legten die „jugendbewegten“ Veranstalter Wert darauf, dass eine einfache und schlichte Form gewahrt blieb. Klamauk, Karussellbetrieb, grelle Musik, festliches und gestelztes „Zylindergehabe“ waren verpönt.  Legendär waren auch die von Georg Füßler und seinen Helfern glänzend organisierten Stiftungsfeste, die im „Weißen Roß“ jeweils zu den Jahrestagen der Gründung stattfanden. Theater, Gesang, Vorträge des Mandolinenorchesters (später durch Zither und Violine verstärkt) und  Tanz waren an der Tagesordnung.

Bald kam der Wunsch nach einem eigenen Vereinsheim auf. Georg Füßler verhandelte erfolgreich mit Georg Ohl VII., der Eigentümer eines „Gebäudes mit großem Saal und Parkgarten“ auf dem Ohl´schen Berg war. (Foto010 + Foto019).

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Nachdem der Verein das etwas heruntergekommene Gebäude und den völlig verwilderten Garten mit viel Einsatz wieder auf Vordermann gebracht hatte, feierten die jungen Leute im August 1923 die Einweihung unter großer Beteiligung der Umstädter Bevölkerung. 

Georg Füßler ging es nun darum, den Bund zu erweitern.  Die Beschränkung auf Hessen sollte entfallen, also erhielt der Bund den neuen Namen „Mitteldeutscher Jugendwanderring“. Bundesführer wurde Adam Storck, der spätere Bürgermeister von Richen. Letztlich erwies sich die Erweiterung als Fehlschlag. Die geringe Zahl der Bundesmitglieder rechtfertigte bei weitem nicht den etwas großsprecherischen Namen. Auch der „Frohsinn“ wurde übrigens umgetauft: er hieß fortan bis 1928 „Jugendwanderring Groß-Umstadt“.
Georg Füßler sah mit Sorge, dass der Verein – mit den damaligen Maßstäben gemessen – überalterte. Er brauchte Nachwuchs aus jüngeren Jahrgängen. Deshalb gründete er im September 1926 eine „Wandervogelgruppe“ für Jungen von 14 – 16 Jahren. Führer der Jugendabteilung wurde Georg Kissel, der in der Güterstraße wohnte. Es kam aber bald zum Streit mit dem Altverein, der den Jungen kein Stimmrecht zubilligen wollte. Die jungen Leute sahen darin zu Recht eine Verletzung wichtiger Ideale der Jugendbewegung – Selbstbestimmung und Eigenverantwortlichkeit – und trennten sich daher vom Verein. Sie gründeten im November 1926 die eigenständige Jugendgruppe „Falke“. Gründungsmitglieder waren u.a. Georg Kissel, Karl Frieß, Wilhelm Aulbach, Heinrich Pfalzgraf, Jakob Grünewald, Otto Endres und Adam Naas. Georg Füßler ließ die Gruppe aber nicht alleine. Er wusste, dass sie in organisatorischen Fragen Beistand brauchte. Mit dem Einverständnis der Jungen wurde er ihr „Berater“.

Das Heim der „Falken“ war der im antiken Stil 1853 erbaute kleine „Tempel“ auf dem Ohl´schen Berg. Dort trafen sich die Jungen fast wöchentlich zu Heimabenden, Geländespielen, „Schinkenklopfen“, Tauziehen und ähnlichen Vergnügungen. Ein besonderes Anliegen war die Pflege volkstümlicher Musik. Der kleine Adam Naas, Karl Frieß  und andere spielten Gitarre und Mandoline. An den Wochenenden ging es auf Wanderschaft. Z.B.  marschierten Ende Mai 1927 Karl und Georg Frieß, Georg Kissel, Wilhelm Aulbach, Adam Naas, Hch. Pfalzgraf, Hans Schmitt, Hch Amend, Adam Georg, Hch. Heyl, Hch. Himmelheber und Georg Füßler „morgens mit Sang und Klang“ durch Umstadt über die Sausteige zum Breuberg, wo sie  die Jugend des Turnvereins Richen mit Georg Wolf und Adam Storck an der Spitze trafen.  Nach einer Kaffepause ging es weiter über „Sandbach, Höchst, das Rondell hinauf zum Bahnhof Wiebelsbach. Von hier aus fuhr man „bequemlicherweise für 15 Pfg. nach Umstadt.“ (Foto0027.JPG).

Gerne feierte die Jugend auch die Sonnenwende im Juni. 1928 marschierten über 200 Jugendliche vom Ohl´schen Berg aus durch die Stadt zum Hainrich. Vornweg der „Pfadfinderhorst“, dann auswärtige Gruppen, u.a. aus Reinheim, weiter der OWK, die evangelische Jugend und am Schluss die „Falken“ in „grüngrauen Kutten“, aufgeteilt in dieHorden „Blitz“ (Führer: Karl Frieß, später Heinrich Spamer) und  „Greif“  (Führer: Adolf Daniel). Auf der „Platte“ hielt  Hugo von Muralt (OWK) die Feuerrede bis zuletzt mutige Jugendliche den Sprung über das Feuer wagten.

Ein Herzensanliegen von Georg Füßler war es, die jungen „Falken“ wieder dem Altverein zuzuführen. Denn er wusste, dass der „Frohsinn“ ohne die Jugend keine Aussicht auf längeren Fortbestand hatte. Seine Verhandlungen mit den selbstbewussten Jugendlichen führten zum Erfolg. Im November 1928 kamen die „Falken“ wieder zum „Frohsinn“, der zugleich wieder seinen alten Namen annahm.

Allerdings gelang es nicht, das Heim auf dem Ohl´schen Berg zu halten. Denn es sollte in Zukunft als Jugendherberge für alle Umstädter und auch für auswärtige Jugendvereine zur Verfügung stehen, wie es ein Vertrag mit der Umstädter „Ortsgruppe für deutsche Jugendherbergen“ vorsah, deren Vorsitzender der Zollinspektor Pitthan war. Es spricht für Georg Füßler, dass er über den Horizont der Belange des  „Frohsinn“ hinaussah und als Vorstandsmitglied der genannten Ortsgruppe diese gute Lösung unterstützte.  

Die jungen „Falken“ trafen sich weiterhin in den Räumen des Tempels, gingen aber auch mit den „Alten“ auf Wanderschaft. Sie unternahmen z.B. im Mai 1929 eine Woche lang eine ausgedehnte Alpenwanderung über den Brennerpass nach Innsbruck und Kempten. (Foto0035).

Es war vielleicht die schönste Zeit im Verein, die aber bald – bedingt durch die politischen Verhältnisse – ein Ende haben sollte. Der Wanderklub gehörte mit seiner Jugendabteilung zwar zur „bündischen“ Jugend, für die unabdingbar politische und religiöse Neutralität galt. Aber die Radikalisierung der politischen Verhältnisse in den 30iger Jahren ging auch an ihr nicht spurlos vorüber. Die Jugendgruppe beantragte die Aufnahme  in die „Deutsche Freischar“, einem Zusammenschluss vorwiegend konservativ-nationaler Jugendlicher des „Großdeutschen Jugendbundes“ und des „Jungnationalen Bundes“ unter Führung des Großadmiral von Trotha. Heinrich Spamer, der „Feldmeister“ der Umstädter Gruppe, erklärte die „Abkehr von dem „Wandervogelmäßigen“ und dem „Wanderklubmäßigen“. Der Neuaufbau sollte mehr „pfadfinderisch“ sein, worunter man vor allem disziplniert-pseudomilitärisches Verhalten verstand. Aber die Umstädter mussten sich bei der Freischar bewähren, um das Recht zu haben, die „Freischarlilie“ zu tragen.  So weit waren sie noch nicht. Die Freischarführer nahmen eine strenge Auslese vor. Im Oktober 1930 nahmen 10 Falken an einem „Gautag“ in Frankfurt/Main teil. Militärische Spiele waren an der Tagesordnung. Die Falken bildeten einen „Stoßtrupp“. Tannenzapfen dienten als Handgranaten im Kampf. Bei einem Geländespiel „schwärmten die Knappen in Schützenlinie durch den Wald“ und überfielen die jüngere Gruppe der Wölflinge. Aber es nützte alles nichts. Die „Falken“ genügten nicht den Ansprüchen der Freischarführung, so dass sie sich enttäuscht abwandten.

1931 kam ein Mädchenring (14 – 20 Jahre) zu den Falken, der aber nicht recht gedeihen wollte. Erst nach dem Krieg sollten sich erfolgreich Mädchen-„Horden“ bei der „Frohsinn-Jugend“ bilden („Edelweiß“, „Enzian“, „Alpenrose“). Doch davon soll später erzählt werden.

1932 zogen die Falken in das von ihnen neu hergerichtete Eidmannsheim in der Kuhhohl (Foto0049). Aber die beste Zeit des Vereins vor dem Krieg war vorbei. Nach der Machtergreifung der Nazis gab es gerade noch sieben Knappen, aber immerhin noch 25 Wölflinge. Dem Geist der Zeit entsprechend plante der „Feldmeister“ Heinrich Spamer nunmehr „Wehrsport und Schießübungen auf dem Waldsportplatz“ durchzuführen. Dazu sollte ein Luftgewehr angeschafft werden. Als am 25.05.1933 auf dem Marktplatz eine Nazi-Kundgebung mit Reichsstatthalter Sprenger stattfand, nahmen auch die noch verbliebenen „Falken“ teil. Sie wollten sich dem neuen Geist anpassen und führten statt ihrer traditionellen „Sturmfahne“ eine Hakenkreuzfahne mit. Damit erregten sie aber den Unwillen und den energischen Widerspruch der HJ-Führung, die sich als Jugendgruppe alleine berechtigt fühlte, diese Fahne zu tragen.

Es ehrt die Falkejugend, dass sie bis zuletzt eine Zusammenarbeit mit anderen Gruppen abseits von der HJ zu suchte. Georg Füßler forderte Ende Mai 1933 die Michelstädter Pfandfindergruppe auf, mit den Falken zusammen zu gehen, weil „unsere Arbeit immer pfadfinderisch im Geist der Jugendbewegung“ gewesen sei. Aber er erhielt umgehend eine schroffe Absage der Michelstädter. Sie war mit der dringlichen Aufforderung verbunden, in die Hitlerjugend einzutreten, weil die bündische Jugend auf der ganzen Linie versagt habe.  Jetzt blieb – wie bei den anderen Jugendgruppen auch – nur noch die Auflösung der Gruppe mit der Empfehlung „sich möglichst restlos der Hitlerjugend und dem Jungvolk anzuschließen.“

Am 28.05.1933 traten die Jungen zu einem „letzten Appell“ an. (Foto0058) Am 10.06.1933 feierten sie Abschied im Eidmannsheim. Als Vertreter der Hitlerjugend war Stud.Ass. Böhm erschienen. „Das Deutschland- und das Horst-Wessel-Lied schlossen die wirklich stimmungsvolle, würdige Abschiedsfeier“, wie es in den Vereinsaufzeichnungen heißt. 

Der Altverein „Frohsinn“, bei dem noch das Zitherorchester aktiv war, löste am 23.10.1933 seine Wanderabteilung auf und nannte sich fortan „Verein für Volksmusik Groß-Umstadt“ an der Spitze mit Georg Füßler. Er war der Dirigent des stattlichen Orchesters. Die Zither spielten Heinrich Gebhardt, Wilhelm Siebert, K. Morr, Lisbeth und Georg Kaufmann, Liesel Schmied und Lenchen Weber, die Violine Heinrich Brücher und Gerhard Schulz,  die Mandola Georg Vogel und Wilhelm Storck, die Gitarre Philipp Füßler und Heinrich Spamer,  den Bass Philipp Vock und das Glockenspiel Johann Spielmann. Die Umstädter Bürgerinnen und Bürger sollten am volkstümlichen Spiel des Zitherorchesters – auch in den nun folgenden schweren Zeiten – noch ihre Freude haben. Doch dies ist eine andere Geschichte, die wir vielleicht ein andermal erzählen werden.